Die Suchmaschinen sind schuld

Auf Vorschlag der UNESCO hat die UN den 21. Februar seit dem Jahr 2000 zum internationalen Tag der Muttersprache erklärt. Von 6.000 lebendigen Sprachen ist nämlich ungefähr die Hälfte vom Aussterben bedroht. Unsere Sprache ist nicht vom Aussterben bedroht. Aber die scheint gerade einen enormen Veränderungsschub durchzumachen. Und die Suchmaschinen sind schuld.

Wortzusammensetzungen schreien vor Schmerz

Wer eine Website hat, die gefunden werden soll, darf keine Wörter wie Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän verwenden. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nach der „Donau“, nach „Dampfschifffahrt“ oder nach „Kapitän“ sucht, ist wesentlich höher, und Google und Co. filtern aus „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“ das Wort „Donau“ nicht raus. Eine Website, die erklärt, was es mit dem Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän auf sich hat, sollte also lieber die einzelnen Bestandteile solcher Komposita getrennt als Keywords (Suchbegriffe) behandeln und ein paarmal im Text und in den Überschriften verwenden. So funktioniert suchmaschinenoptimiertes Schreiben, auf Rechtschreibung kann da keine Rücksicht genommen werden. Und deshalb wird online aus dem Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän der „Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschafts-Kapitän“. Dagegen ist nicht viel einzuwenden. Falsch ist aber eine Getrenntschreibung solcher Komposita ohne Bindestriche. Das tut ihnen weh, sie schreien vor Schmerz.

Wäre die Geschäftssprache des Google-Konzerns deutsch, wäre Suchmaschinenoptimierung einfacher. Dann hätte Google einen Algorythmus eingebaut, der das Wort „Donau“ in „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“ herausfiltern und als Keyword erkennen würde. Wir leben aber in einer englischsprachig dominierten Welt, und deshalb sprechen wir ja auch von Keywords und nicht von Schlüsselwörtern – höchstens von Schlüsselerlebnissen, aber das ist etwas anderes. Auf englisch bildet man Substantive, indem man einfach Wörter aneinanderreiht: Danube steamboat shipping company.

Leider sieht man immer mehr deutsche Komposita wie im Englischen auseinandergeschrieben. Und da das Internet eine Welt ist, in der wir uns ständig bewegen, die uns vertraut scheint und aus der wir unsere Informationen heraussaugen, übernehmen wir Dinge aus dem Netz, die uns dort alltäglich begegnen. Man reißt Substantive also auseinander und raubt ihnen den Sinn und hält das für richtig.

Aber nicht nur Substantive, sondern auch Verben werden gern auseinandergerissen: Auseinanderreißen ist ein vollwertiges Verb, es heißt nicht „außeinander reißen“. Nein, man schreibt es zusammen: Zusammenschreiben sollte man solche Worte; zusammen schreiben kann man nur gemeinsam mit jemand anderem. Der Sinn verändert sich oder geht verloren, wenn man solche Verben auseinanderreißt. Nachhaltig Verwirrung gestiftet haben hier sicherlich die Rechtschreibreformen, die längst als Verirrung ihre Gültigkeit verloren haben.

Moderne Kommunikation will es möglichst einfach haben

Die Smartphone-Tastatur und die Spracherkennung machen uns die Sache mit der Rechtschreibung nicht leicht – vor allem die Groß- und Kleinschreibung (nicht: „groß und klein schreibung“). SMS, WhatsApp, Facebook, Twitter etc. dienen der schnellen Kommunikation. Da wird kein Wert auf Korrektheit gelegt. Da wird nicht mehr als unseriös empfunden, wer sich mit der Rechtschreibung schwertut oder gleich alle Regeln außer Kraft setzt. Da ist das normal. Und so nehmen wir schlechte Angewohnheiten aus dem Netz auch in unser Offline-Leben mit rüber, sowohl in das private als auch ins geschäftliche. Ich bekomme immer häufiger E-Mails, in denen Großbuchstaben nur noch als Hervorhebung verwendet werden. Ich empfinde das als unseriös.

Das Schlimme ist: Auch Berufe, die vom Schreiben leben, übernehmen falsche Schreibgewohnheiten. Für Online-Journalisten gilt natürlich dasselbe wie für Blogger oder Onlineshop-Betreiber: Ihre Beiträge werden nur gefunden, wenn sie suchmaschinenoptimiert sind. Das führt zu hässlichen Headlines, in denen Wortzusammensetzungen mit Bindestrichen durchgekoppelt werden oder durch lose, sinnbefreite Aneinanderreihungen einzelner Substantive ersetzt werden.

Das Internet sei ein verbindendes Medium, sagt man ihm nach, es rücke die Welt zusammen. Für die deutsche Sprache gilt das nicht. Die reißt es auseinander – auf Wortebene.

– anm –